• chrismentz

"Alles ist erlaubt und richtig!" - Ein Interview zum Thema Windelfrei

Als mir meine Hebamme kurz nach der Geburt meiner Tochter vorschlug, dass ich sie doch mal „abhalten“ solle, statt Windeln zu benutzen, musste ich erst mal stutzen. Abhalten? Was genau ist damit gemeint? Wie soll das funktionieren? Und: Warum sollte ich das überhaupt tun?


Heute bin ich um einiges schlauer und ein echter Fan dieser Methode. Während das Wort „Methode“ meiner Meinung nach auch schon wieder zu viel will. Wir haben einfach für uns als Familie festgestellt, dass Windelfrei echt Spaß macht und zu uns passt. Im Interview mit Windelfrei-Coach Anne-Marja Lützkendorf will ich aber mehr erfahren!


Oft erinnere ich mich jetzt noch an meine Reise nach China zurück und wie sehr ich mich über Babys und Kleinkinder in Split-Pants gewundert habe. Es hat eine ganze Zeit lang gedauert, bis ich damals herausgefunden habe, warum sie diese Hosen mit einem großen Schlitz im Schritt trugen.



In China heißen diese Hosen kaidangku und ermöglichen es den Kindern und Eltern ganz schnell dem kleinen oder großen Geschäft nachzugehen bzw. dabei zu helfen.



Eigentlich ganz clever, oder? Aber wie lässt sich das mit dem deutschen Wetter vereinbaren? Liebe Anne-Marja: Gibt es eine europäische Version dieser Hosen?


Sehr clever, auf jeden Fall! Aber weder mit unserem Winterwetter, noch mit unseren Bodenbelägen lässt sich eine Babyhose, die im Schritt offen ist, vereinbaren. Zudem bringt es auch gar nicht so viel, wenn ein Baby permanent untenrum nackig ist, weil es dann auch unkontrolliert ausscheidet. Wenn der Homo sapiens einen Druck im Schritt spürt, dann macht er sich bemerkbar, wenn er sich erleichtern muss. Diese Eigenschaft nutzen wir für Windelfrei. Bei Babys kann dieser Druck von einer Stoffwindeln, Abhaltewindel und einem Trainerhöschen kommen.


Gerade im öffentlichen Raum ist es aber nicht nur aus hygienischen Gründen, sondern auch zum Schutz der Privatsphäre der Babys wichtig, dass wir andere Hosen nutzen. Als europäische Kaidangku könnte man z. B. eine Cowboyhose (oder umgenähte Strumpfhose … es gibt richtig viele Möglichkeiten!) mit Abhaltewindel darüber nutzen. So ist das Baby nicht nackig, aber in einem Handgriff ist der Schritt geöffnet und man kann abhalten ohne großen Aufwand.





Aber nun erst mal alles auf Anfang: Was bedeutet eigentlich Windelfrei genau?


Windelfrei bedeutet ganz einfach, dass wir unsere Babys abhalten, wenn sie mal müssen. Woran merken wir das? Sie senden Signale und es gibt verschiedene Zeiten, zu denen die Blase einfach immer voll ist. Eltern können das wirklich sehr schnell lernen; genau so, wie man lernt, wann das Baby Hunger hat oder müde ist.


Die Schweizer Pädagogin und Autorin Rita Messmer nennt es auch „die frühe Reinlichkeit“ und hat für Windelfrei einen eigenen Begriff erschaffen: „Hello Nappy“. Sie geht davon aus, dass es ein ureigenes Bedürfnis ist, nicht in seinen Ausscheidungen zu liegen und, dass Babys vom ersten Tag an dafür sensibel sind, denn nichts ist von der Evolutionsbiologie klarer geregelt, als das Ausscheidungs- und Fortpflanzungsverhalten. Ferner ist es ein allgemeines Gesetz der Entwicklung, dass eine Funktion umso wichtiger ist, je früher sie auftritt.


Es gibt nicht DAS Windelfrei und es gibt nicht das PERFEKTE Windelfrei. Jede Familie muss ihr ganz persönliches Windelfrei oder eben Windelweniger finden. Wenn man allein einmal am Tag (am besten früh gleich nach dem Aufstehen) das Baby abhält, dann macht man im Prinzip schon Windelfrei. Es ist wirklich ganz undogmatisch und soll vor allem Spaß machen und die Bindung stärken.



Oft höre ich, dass sich die Blasen- und Darmkontrolle erst noch entwickeln muss - also, dass Babys das Geschäft nicht zurückhalten können. Wie passt das mit Windelfrei zusammen?


Diese Vorstellung ist weit verbreitet. Interessant ist da die Beobachtung von Dr. Marten deVries. Er hat herausgefunden, dass die Babys des Digo-Stammes in Kenia schon mit zwei/drei Wochen mithilfe der Eltern ausscheiden und ab dem 6. Lebensmonat bereits trocken sind. Das widerlegt ja die Behauptung irgendwie, dass kontrolliertes Entleeren erst später mit dem Heranreifen bestimmter Nervenverbindungen und Muskeln möglich ist.


Kontrolliertes Entleeren heißt dabei aber nicht, dass kleine Babys ihren Urin über längere Zeit zurückhalten können. Sie melden sich, sobald sie den Drang verspüren. Wir müssen einfach nur lernen, diese Signale richtig zu deuten, um dann darauf reagieren zu können.


Anmerkung der Redaktion: Die Medizin leert, dass das Heranreifen der Schließmuskulatur erst im Alter von 20 bis 24 Monaten abgeschlossen ist. Daher wird allgemein empfohlen, Kinder in diesem Alter an das Töpfchen heranzuführen. Dabei wird außen vor gelassen, dass Babys schon sehr früh die Schließmuskeln aktiv entspannen und dabei auszuscheiden können.

Windelfrei bedeutet im Übrigen nicht, dass Babys keine Windeln tragen. Der Begriff hat sich bei uns jetzt aber schon so stark etabliert, dass ich befürchte, dass wir ihn behalten werden. Elimination Communication (= Ausscheidungskommunikation) meint dasselbe und trifft es aber viel mehr auf den Punkt.



Du sagst, dass das Baby anzeigt, wann es ausscheiden muss. Wie funktioniert diese Art der Kommunikation genau? Also, wie sehen die Signale genau aus? Kommunizieren die Eltern auch verbal oder nur durch Action – also indem sie das Kind auf das Signal hin abhalten?


Dazu allein könnte man schon einen ganzen Artikel schreiben. Ich versuche, mich aber mal kurz zu halten. Die Kommunikation zwischen dem Baby und den Eltern ist eigentlich der Schlüssel von Windelfrei. Alle Babys kommunizieren. Interessant ist da auch das Buch von Priscilla Dunstan „Baby Language“.


Die eindeutigsten Ausscheidungssignale der Babys sind der Ankündigungspups, An- und Abdocken während des Trinkens/Stillens, plötzliche Ruhe oder Starren. Oder das Gegenteil: Aus der Ruhe wird plötzlich Unruhe, Quengeln oder Meckern.


Wir sind ja im Prinzip pausenlos mit unserem Baby in Kommunikation. Aber für Windelfrei dürfen wir uns das gern ein bisschen bewusster machen. Das heißt, das Baby „mitnehmen“ und auf jeden Fall auch verbal begleiten z. B. „Musst du mal Pipi?“ oder „Du hast Pipi gemacht.“ Wichtig ist dabei, dass diese Aussagen ganz wertfrei bleiben. Es geht im Grunde um Achtsamkeit.


Ein Laut der Eltern während der Ausscheidung des Babys könnte zum Beispiel „Schhhhhh….“ sein - also ein Entspannungslaut.



Wie halte ich mein Baby am besten ab bzw. was sind optimale Positionen?


Für ein Neugeborenes empfiehlt sich die In-Arm-Position:



Bei etwas größeren Kindern hat es sich bewährt, den Topf zwischen die Füße zu klemmen und das Kind auf den Schoß zu setzen. So kann sich das Baby bequem anlehnen und entspannen:



Je größer das Kind wird, desto schwerer wird es natürlich. Dann sollten Eltern beim Abhalten ihren Rücken schonen:



Braucht man eigentlich bestimmte Utensilien für Windelfrei?


Ja, es lohnt sich, in eine sinnvolle Ausstattung zu investieren. Das muss wirklich nicht viel sein, aber bestimmte Dinge, wie eine gute Abhalte-Windel, die begleitet einen doch sehr lange und man will sie nie mehr missen. Sie erleichtern das Ausziehen, da man das Kind nicht umständlich aus vielen Schichten schälen, bis man es untenrum frei hat.


Als Abhaltegefäß kann eigentlich alles fungieren: Von der Rührschüssel bis hin zum Waschbecken ist alles möglich. Hauptsache die Ausscheidungen lassen sich gut abfangen.





Irgendwie traue ich es mir noch nicht zu, meine Tochter ganz ohne Windel rum krabbeln zu lassen. Tragen denn echte Windelfrei-Babys gar keine Windeln?


Nein, ich glaube, diese "echten Windelfrei-Babys", die in den Köpfen von einigen Eltern herumschwirren, gibt es bestimmt gar nicht. Zumindest nicht gleichzeitig zusammen mit entspannten Eltern. Ich finde, auch hier dürfen sich alle mal ein bisschen mehr zurücklehnen: Alles ist erlaubt und richtig!


Mit Druck funktioniert hier nämlich gar nichts gut und Windelfrei ist kein Super-Mama-Wettbewerb. Man kann auch richtig gutes Windelfrei machen, wenn das Baby permanent ein Back-Up (auch Wegwerfwindeln) an hat – d. h. auch im öffentlichen Raum und unterwegs.


Hauptsache, es macht allen Beteiligten Spaß und man bleibt mit dem Baby in Kommunikation.



In anderen Ländern ist das Konzept Windelfrei nicht so exotisch wie bei uns. Warum macht es erst jetzt bei uns in Deutschland Schule?


Im Durchschnitt wurde in den 50er Jahren in Deutschland mit dem Töpfchentraining schon im ersten Lebensjahr begonnen. Das änderte sich in den 70er und 80er Jahren, als fast jeder Haushalt über eine eigene Waschmaschine verfügte. Bis dahin wickelte man überwiegend mit Stoff. Als dann die Einwegwindel auf den Markt kam, entspannte das viele Eltern erst einmal – denn man musste nun nicht mehr waschen. Die Wegwerfwindel wurde so zum Standard.


Schon in den 90er Jahren hat Rita Messmer, die sich selbst als „Urmutter des Windelfrei“ bezeichnet, ein Buch herausgebracht, in dem das Abhalten erklärt wird. Aber sie war damals noch ihrer Zeit voraus und ist kaum auf offene Ohren gestoßen.


Im Gegensatz dazu muss man sich mal vorstellen, dass 80-90 % aller Babys auf der Welt gar keine Windeln tragen. Aus China kennt man zum Beispiel die Split-Pants und fast überall auf der Welt, ist Windelfrei ganz und gar nicht exotisch, sondern die Norm.


Nicola Schmidt und das Artgerecht Projekt haben in den letztenahren eine großartige Basis geschaffen und geben ganz viel Wissen über das Thema weiter. Sie bilden Windelfrei- Coaches aus, die wiederum Windelfrei-Kurse und Treffen anbieten. So verbreitet sich alles immer mehr. Es ist auch irgendwo ein sehr intimes Thema und viele glauben auch erst, dass es wirklich funktionieren kann, wenn sie es selbst gesehen und erlebt haben.



Du bietest neben Trageberatung auch Windelfrei-Workshops an. Was passiert dort?


In den Workshops gebe ich den Eltern alles Wichtige an die Hand, um direkt und mit ganz viel Lust mit Windelfrei loslegen zu können. Darunter natürlich ein aktueller Überblick, was die Ausstattung angeht. Oft stehen auch viele Fragen und Ängste im Raum, die ich natürlich von Herzen gern beantworte und auflöse.


Allein schon, dass wir eine Gruppe von Leuten sind, hilft sehr, dass man nicht dieses Gefühl hat, man macht etwas ganz Verrücktes. Also eigentlich ist das Abhalten ja das Normale und die Windel die neumodische Erfindung, die viele Probleme erst mit sich gebracht hat. Und so fühlt es sich also eher so an, als wären wir eben diese kleine Gruppe von Leuten, die die Welt zu einem besseren Ort machen. Irgendwer muss ja damit anfangen. Und jeder nimmt vom Treffen so viel Motivation und Wissen mit nach Hause und verbreitet die Ideen weiter. Ich denke, in wenigen Jahren schon wird das Abhalten wieder sehr normal sein.



Warum sollte Deiner Meinung nach jedes Baby mit der Windelfrei-Methode aufwachsen?


Ich denke, gerade heute, wo wir aus Angst um unseren wundervollen Planeten, einfach überall schauen müssen, wo Dinge noch nachhaltiger gestaltet werden können, müssen wir auch das Thema Babypflege in Angriff nehmen. Nach wenigen Tagen merken die meisten Eltern schon bei herkömmlichen Wegwerfwindeln, was dieser kleine Mensch da schon für einen riesigen Müllberg produziert und suchen Alternativen. Das können auch Stoffwindeln sein. Dadurch wird man für das Thema Ausscheidung immer sensibler und landet am Ende eben vielleicht bei Windelfrei.


Beim Abhalten ermöglichen wir dem Baby eine saubere und sichere Ausscheidung. Verschiedenste Probleme wie z. B. Verstopfung, Windeldermatitis oder Stillprobleme lassen sich durch das Abhalten verringern.


Drei Daumen hoch für Windelfrei:

  1. Es ist eine Frage der Würde.

  2. Selbstbewusstsein und Kompetenzempfinden von Anfang an. So werden aus Kindern starke Erwachsene.

  3. Ganz klar: Nachhaltig!


Vielen lieben Dank, Anne-Marja!




Anne-Marja wohnt in Berlin. Bevor sie Trageberaterin und Windelfrei Coach wurde, arbeitete sie für eine nachhaltige Kosmetikfirma im PR-Bereich. Durch ihre eigenen beiden Kinder ist sie zu Windelfrei gekommen. Das Buch „Geborgene Babys“ von Julia Dibbern wurde ihr damals von Freunden empfohlen und hat sie absolut überzeugt. Das wollte sie dann ganz entspannt mit ihrem Baby ausprobieren. Damals, 2015, war sie damit noch eine Exotin. Sie war sich aber immer sicher, dass das der richtige Weg ist.


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